Die Kraft der Bilder – Kunsttherapie im Hospiz
Es ist Mittwochmorgen im Hospiz und Frau A. wartet schon auf die Kunsttherapie. Auf der Palliativstation hat sie dieses Angebot kennengelernt. „Malen,“ so sagt sie, „Malen, für sowas hatte ich nie Zeit, und als ich klein war gab es dafür kein Geld.“ Auf ihre selbstgemachten Karten ist sie sehr stolz, alle ihre Lieben werden damit beschenkt.
Aus der Kunsttherapie
Herr B. im Nachbarzimmer kann das Bett nicht mehr verlassen. „Malen kann ich nicht! Meine Finger haben kein Gefühl mehr!“ Als er hört, dass er auch vom Bett aus teilnehmen kann und keine Feinmotorik von Nöten ist, meinte er: „Na, dann zeigen Sie halt mal.“ An diesem Tag lernt er die uralte Technik der Fadengrafik kennen. Dabei wird ein Faden in Farbe getaucht und anschließend auf Papier gelegt. Durch Bewegen des Fadens entstehen zufällige Linien und Formen. Das Bild kann anschließend weitergestaltet und interpretiert werden. Bei diesem Gast entstehen abstrakte Formen in seinen Lieblingsfarben. Er ist tief berührt und sieht eine Blume in seinem Werk.
So eine Blume habe er früher oft seiner Frau geschenkt. Nun erzählt er aus seinem Leben, voller Wärme und Glück. Später sucht sich Herr B. einen farblich passenden Fotokarton aus, auf den sein Bild aufgeklebt wird. Ein Titel und das Datum mit Unterschrift gehören auch dazu. Seit langem hat er wieder mal einen Stift in der Hand, um zu schreiben und er ist ganz erstaunt – er kann es noch. Glück und Zufriedenheit strahlen nun aus seinen Augen. Von unseren Pflegekräften und seinen Angehörigen erhält er für sein Werk viel Lob. Seine erwachsenen Kinder bestellen bei ihm nun Bilder in ihren Lieblingsfarben. Nun ist Herr B. nicht mehr nur der Kranke, der passiv und erduldend im Bett liegt.
Bilder brauchen nicht erzählen
was man auch mit Worten zu sagen vermag
aber sich können sichtbar machen
was man nicht mit Worten zu sagen vermag
(Dirk Huisken)
Herr D. liegt mit abgewandtem Kopf im Bett, er redet nur das Nötigste. So auch, als Petra Sauermann ihn besucht. In seinen wenigen Worten schwingen Fassungslosigkeit und Wut über seine Diagnose mit. Es entwickelt sich ein intensives Gespräch. Als die Welle der Emotionen langsam abebbt, lenkt die Therapeutin seine Aufmerksamkeit auf das Foto seiner Tochter, welches auf dem Nachttisch steht. Sie fragt den Gast nach ihren Lieblingsfarben. Es scheint so, als wolle er nicht unhöflich sein, als er zustimmt, mit genau diesen Farben ein Bild zu gestalten. Als er sein Werk in Händen hält, sagt er: „Ja, genauso! Das ist meine Tochter!“ Voller Freude erzählt er von den schönen Seiten seines Lebens. Dankbarkeit über das Zurückliegende nimmt nun den Raum ein und löst anfängliche Gefühle ab. Auch die Trauer, seine Lieben nun verlassen zu müssen, darf sein.
Diese Beispiele zeigen die besondere Kraft der Kunsttherapie: Sie richtet den Blick nicht auf das, was durch die Krankheit nicht mehr möglich ist, sondern auf das, was noch da ist, auf das was Halt gibt und auf das, was entstehen kann. Ein Bild, ein Gespräch, eine Erinnerung – manchmal reicht ein kleiner Moment, um wieder Nähe zu sich selbst und zu anderen zu erfahren.
Wir sind Petra Sauermann für die Begleitung unserer Gäste sehr dankbar. Mit ihrer Kompetenz und ihrer wertschätzenden Haltung ermöglicht sie Momente des Ausdrucks und des persönlichen Erlebens.
Text: Petra Sauermann, Brigitte Limbeck
Bilder: Petra Sauermann